Und noch einmal zurück nach Seoul! Entstanden ist diese Serie während eines starken und spontanen Regens direkt vor meinem Hotel. Die Bedingungen hätten kaum dichter sein können: nasse Straßen, reflektierende Oberflächen, dichter Verkehr und Menschen, die sich mit Regenschirmen durch die Stadt bewegen. Eigentlich war der Anlass ein experimenteller: Ich wollte mit längeren Belichtungszeiten arbeiten und testen, wie sich Bewegung im urbanen Raum abbilden lässt.
Die Stadt wirkt in diesen Momenten gleichzeitig chaotisch und geordnet. Menschen eilen durch das Bild, verlieren klare Konturen, werden zu fließenden Formen. Die Regenschirme verstärken diesen Eindruck, sie wiederholen sich, strukturieren die Szene und geben dem Chaos eine visuelle Ordnung. Der Regen selbst trägt zusätzlich dazu bei, Kanten aufzulösen und die Lichter der Stadt weich zu zeichnen.
Interessant ist dabei, dass die ursprüngliche Situation alles andere als ruhig war. Es war laut, nass, schnell, voller Bewegung. Und doch vermitteln die fertigen Bilder etwas anderes: eine unerwartete Ruhe.
Diese Ruhe entsteht nicht trotz der Bewegung, sondern durch sie. Die lange Belichtung sammelt Zeit statt sie einzufrieren. Einzelne Momente verschwinden, werden überlagert, verdichtet. Was bleibt, ist nicht der einzelne Mensch, sondern die Spur seiner Bewegung. Die Stadt wirkt dadurch weniger wie eine Abfolge von Ereignissen, sondern eher wie ein kontinuierlicher Fluss.
Die Bearbeitung habe ich bewusst minimal gehalten: ein leichter Beschnitt und eine moderate Kontrastanhebung. Mehr Eingriffe hätten den Charakter der Aufnahmen verändert. Denn die eigentliche Wirkung entsteht bereits im Moment der Aufnahme: im Zusammenspiel von Licht, Regen, Bewegung und Zeit.
So wurde aus einer technischen Übung eine Serie, die für mich einen kleinen Widerspruch trägt: Hektik, die Ruhe erzeugt. Bewegung, die still wirkt. Und ein Moment, der sich nicht festhält, sondern erst durch sein Verschwinden sichtbar wird. Ich überlege noch diese Serie in mein Portfolio (Webseite) aufzunehmen – wir werden sehen!
Zum Abschluss dieser kleinen Valencia-Serie verlassen wir die engen Gassen, die lebhaften Märkte und das warme Abendlicht der Altstadt und begeben uns in eine völlig andere Welt: die Stadt der Künste und Wissenschaften – Ciutat de les Arts i les Ciències.
Dieser futuristische Komplex wirkt auf den ersten Blick fast wie ein Filmset. Weiße, organisch geschwungene Baukörper, spiegelnde Wasserflächen und eine Architektur, die eher an Raumfahrt als an klassische Stadtplanung erinnert, prägen das Bild. Entworfen wurde das Ensemble von Santiago Calatrava und Félix Candela und entstand zwischen den 1990er-Jahren und den frühen 2000er-Jahren auf dem ehemaligen Flussbett des Turia, das nach einer verheerenden Überschwemmung in den 1950er-Jahren umgeleitet und später in einen langen Stadtpark verwandelt wurde.
Genau diese Umnutzung ist ein spannender Teil der Geschichte: Aus einem einstigen Fluss wurde eine grüne Lebensader und am Ende dieses Parks entstand eines der modernsten Architektur-Ensembles Europas. Zwischen Wissenschaftsmuseum, Opernhaus, Planetarium und Aquarium zeigt sich Valencia hier von seiner visionären Seite. Ein Ort, der bewusst nach vorne schaut und sich nicht an historische Formen klammert, sondern neue Welten entwirft.
Beim Spaziergang durch die Anlage wird schnell klar, wie sehr hier mit Perspektiven gearbeitet wird. Linien ziehen sich über den Boden, Bögen spannen sich über Wasserflächen, und überall entstehen Spiegelungen, die Architektur und Himmel miteinander verschmelzen lassen. Je nach Tageszeit wirkt der Komplex kühl und futuristisch oder warm und fast organisch, aber nie langweilig.
Fotografisch ist das Gelände ein Spielplatz der Formen. Genau hier kamen wieder beide Objektive zum Einsatz: das 21 mm Super-Elmar, um die monumentalen Strukturen in ihrer ganzen Weite einzufangen, und das 35 mm APO-Summicron, um Details, Reflexionen und kleinere Ausschnitte herauszuarbeiten. Zwischen extremen Weitwinkelszenen und intimeren Kompositionen pendelnd, zeigt sich die Anlage je nach Brennweite völlig neu.
Besonders spannend ist der Kontrast zu den vorherigen Teilen dieser Serie. Nach den engen Gassen, der dichten Marktatmosphäre und dem warmen, organischen Stadtgefühl wirkt die Stadt der Künste und Wissenschaften wie ein bewusster Gegenpol: glatt, geometrisch, ruhig und fast klinisch in ihrer Klarheit. Und doch fügt sie sich auf ihre eigene Weise perfekt in das Gesamtbild Valencias ein.
Mit diesem letzten Teil endet die kleine Reise durch Valencia. Vier sehr unterschiedliche Facetten, die am Ende doch dasselbe Bild zeichnen: eine Stadt, die lebt, experimentiert und immer wieder überrascht. Ich liebe Valencia!
Nach den ruhigen Gassen, den historischen Fassaden und der urbanen Kunst wird es im dritten Teil deutlich lebhafter. Unser Ziel ist die berühmte Markthalle von Valencia: Der Mercat Central. Ein Ort, an dem sich das tägliche Leben der Stadt in all seinen Farben, Gerüchen und Geräuschen entfaltet.
Schon beim Betreten der Halle wird klar: Hier geht es nicht um Touristenattraktionen, sondern um das echte Valencia. Händler preisen lautstark ihre Waren an, Kunden diskutieren über die Qualität der Fische, Taschen rascheln, Gläser klirren und irgendwo lacht immer jemand. Dazwischen türmen sich Obst, Gemüse, Gewürze, Schinken und Meeresfrüchte in einer Vielfalt, die man kaum auf ein Bild bekommt.
Für Fotografen ist die Markthalle ein Paradies und gleichzeitig eine kleine Herausforderung. Das Licht scheint sich hier nämlich nicht entscheiden zu können, was es eigentlich möchte. Durch die großen Fenster und die kunstvollen Glasflächen fällt Tageslicht in die Halle, gleichzeitig sorgen künstliche Lichtquellen für weitere Akzente. Helle Bereiche wechseln sich mit dunklen Ecken ab, Farben reflektieren von allen Seiten und ständig läuft jemand durchs Bild.
Während moderne Kameras in solchen Situationen hektisch Augen, Gesichter, Tiere, Fahrzeuge und vermutlich sogar den nächsten Kaffee automatisch erkennen, stehe ich mit dem Messsucher mitten im Gewühl und drehe konzentriert am Fokusring. Menschen kommen von links, von rechts, bleiben kurz stehen und verschwinden wieder. Motive tauchen auf und sind oft schon wieder weg, bevor der Finger den Auslöser erreicht.
Die Leica M zwingt dazu, langsamer zu werden und genauer hinzusehen. Statt wahllos Serienbilder zu produzieren, beobachtet man die Szene, wartet auf den richtigen Moment und versucht, die Bewegungen der Menschen vorherzusehen. Nicht jeder Treffer sitzt perfekt. Manche Bilder landen direkt im digitalen Papierkorb. Aber die gelungenen Aufnahmen fühlen sich oft ein wenig mehr „erarbeitet“ an.
Besonders spannend sind die Begegnungen zwischen den Marktständen. Händler, die seit Jahrzehnten hier arbeiten. Kunden, die offensichtlich jeden Verkäufer persönlich kennen. Touristen, die staunend vor den Auslagen stehen. Überall entstehen kleine Geschichten, die sich ständig verändern und nur für wenige Sekunden existieren.
Im nächsten Teil verlassen wir den Trubel wieder und widmen uns einer ganz anderen Seite Valencias. Doch zunächst bleiben wir noch einen Moment zwischen den Marktständen stehen und genießen das wunderbare Chaos.
Nachdem wir im ersten Teil bereits die verwinkelten Gassen der Altstadt erkundet haben, bleiben wir noch ein wenig im Herzen Valencias. Denn gerade in den späten Nachmittags- und Abendstunden entfaltet die Stadt einen ganz besonderen Zauber.
Wenn die Sonne langsam tiefer sinkt und die Hitze des Tages nachlässt, verändert sich die Atmosphäre in den engen Straßen spürbar. Das harte Licht des Mittags weicht warmen Gold- und Orangetönen, die sich an den Fassaden spiegeln und selbst unscheinbare Ecken in kleine Bühnen verwandeln. Für Fotografen beginnt jetzt die vielleicht schönste Zeit des Tages.
Die schmalen Gassen wirken im Abendlicht fast wie natürliche Lichtkanäle. Sonnenstrahlen finden ihren Weg zwischen den Häusern hindurch und zeichnen helle Linien auf das Kopfsteinpflaster, während nur wenige Meter weiter bereits tiefe Schatten warten. Dieses Wechselspiel aus Licht und Dunkelheit verleiht den Straßen eine besondere Tiefe und sorgt ständig für neue Motive.
Auch die urbane Kunst gewinnt in diesen Stunden noch einmal an Ausdruckskraft. Die zahlreichen Wandgemälde, Graffiti und kunstvoll gestalteten Rollläden scheinen förmlich zu leuchten. Farben werden intensiver, Kontraste weicher. Viele der Werke erzählen kleine Geschichten, manche sind humorvoll, andere gesellschaftskritisch oder einfach nur dekorativ. Gemeinsam prägen sie den unverwechselbaren Charakter der Altstadt und machen jeden Spaziergang zu einer kleinen Entdeckungsreise.
Besonders faszinierend ist dabei die Vielfalt. Hinter jeder Ecke wartet etwas Neues: ein großformatiges Wandbild, eine kunstvoll bemalte Tür, ein verstecktes Detail an einer Hauswand oder ein Geschäft, dessen geschlossener Rollladen nach Feierabend zum Kunstwerk wird. Valencia zeigt hier eine kreative Seite, die sich nicht in Museen oder Galerien versteckt, sondern ganz selbstverständlich Teil des täglichen Lebens ist.
Während die Straßen langsam ruhiger werden, füllen sich die Plätze mit Menschen, die den Abend genießen. Aus Bars und Restaurants dringen Stimmen und Gelächter, irgendwo spielt Musik, und über allem liegt dieses warme mediterrane Licht, das man nur schwer beschreiben kann. Es ist eines dieser Lichter, die man nicht nur sieht, sondern spürt.
Ein paar Worte noch zur Ausrüstung: Das APO-Summicron 35 mm an der M11-P ist für mich schlicht eine Traumkombination (wie schon so oft hier geschrieben). Schärfe, Kontrast, Farben: da passt einfach alles. Eigentlich. Denn in den engen Gassen Valencias ertappte ich mich mehr als einmal dabei, einen halben Schritt zurückzugehen. Und noch einen. Und noch einen. Bis irgendwann eine Hauswand oder ein parkendes Auto freundlich, aber bestimmt signalisierte: „Weiter zurück geht heute leider nicht.“ In genau diesen Momenten hätte ein 28-mm-Objektiv vermutlich die elegantere Lösung dargestellt. Die zusätzliche Weite wäre in manchen Situationen Gold wert gewesen. Trotzdem: Mein 35er wird nirgendwo hingehen. Dafür liebe ich den Bildwinkel einfach zu sehr. Es ist ein wenig wie bei einem guten Freund, der gelegentlich einen kleinen Tick hat. Man weiß genau, dass er nicht perfekt ist, aber gerade deshalb möchte man ihn nicht missen.
Über Pfingsten ging es für ein paar Tage nach Valencia. Kein straffes Besichtigungsprogramm, keine Kilometerjagd von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Stattdessen standen Entspannung, Fotografie und natürlich gutes Essen auf dem Plan. Valencia erwies sich dabei als genau die richtige Wahl: eine Stadt, die mediterrane Gelassenheit mit historischem Charme und überraschend viel urbaner Kreativität verbindet.
Den Auftakt dieser kleinen 4-teiligen-Serie machen einige Eindrücke aus dem historischen Zentrum: Beginnend mit einem Blick von einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, dem Glockenturm El Micalet (spanisch auch El Miguelete) der Kathedrale von Valencia. Der zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert errichtete gotische Turm prägt bis heute die Silhouette der Altstadt. Nach dem Aufstieg über die berühmte Wendeltreppe mit ihren 207 Stufen eröffnet sich ein fantastischer Rundumblick über die Dächer Valencias bis hinaus in Richtung Mittelmeer.
Die ersten Bilder dieser Serie entstanden genau dort oben. Mit dem Leica Super-Elmar 21 mm ließ sich die Weite der Stadt hervorragend einfangen. Die roten Ziegeldächer, die Türme und Kuppeln der historischen Gebäude sowie die modernen Akzente am Horizont verschmelzen zu einem Stadtbild, das Geschichte und Gegenwart gleichermaßen widerspiegelt. Von hier oben wird deutlich, wie kompakt die Altstadt eigentlich ist und wie eng die einzelnen Viertel miteinander verwoben sind.
Nach dem Abstieg führte der Weg wieder hinein in das Labyrinth der Altstadtgassen. Für diese Aufnahmen kamen das Leica APO-Summicron 35 mm zum Einsatz. Besonders das Viertel El Carmen zog mich magisch an. Hinter beinahe jeder Ecke wartet ein neues Motiv: schmale Durchgänge, verwitterte Fassaden, kleine Plätze und immer wieder überraschende Details, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt.
Auffällig sind dabei die zahlreichen Graffiti und Wandbilder. Anders als in vielen anderen Städten wirken sie hier selten wie reine Schmierereien. Vielmehr sind sie Teil des Stadtbildes geworden. Besonders interessant fand ich die kunstvoll gestalteten Rollläden der kleinen Geschäfte. Tagsüber geöffnet und oft unscheinbar, verwandeln sie sich nach Geschäftsschluss in eine riesige Freiluftgalerie. Figuren, Schriftzüge, Karikaturen und farbenfrohe Kunstwerke verleihen den Straßen eine ganz eigene Atmosphäre.
Was Valencia dabei besonders sympathisch macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Geschichte und Gegenwart nebeneinander existieren. Zwischen jahrhundertealten Gebäuden findet man moderne Kunst, kleine Cafés und kreative Läden. Nichts wirkt aufgesetzt oder künstlich inszeniert. Die Stadt lebt und genau das spürt man bei jedem Spaziergang.
Vor einigen Tagen saß ich auf einem kleinen Platz mitten in einer Stadt (der Bericht zur Stadt folgt kommende Woche). Kein berühmter Ort, keine Sehenswürdigkeit, die in jedem Reiseführer steht. Einfach ein schöner Platz. Ein paar Bäume spendeten Schatten, das Licht der Nachmittagssonne fiel zwischen die Häuserfassaden, und trotz der umliegenden Straßen lag eine überraschende Ruhe über diesem Ort.
Es war einer jener seltenen Plätze, die einen dazu einladen, nicht sofort weiterzugehen. Ein Ort, an dem man einfach sitzen, beobachten und für einen Moment vergessen kann, wie schnell die Welt geworden ist.
Doch um mich herum geschah etwas anderes: Menschen kamen, zogen im Gehen ihr Smartphone aus der Tasche, hielten es kurz hoch, machten ein Bild (oft im Hochformat) und gingen weiter. Kaum jemand blieb stehen. Kaum jemand betrachtete die Umgebung länger als den Bildschirm. Das Foto schien wichtiger als der Augenblick.
Vielleicht verkläre ich die Vergangenheit. Doch ich erinnere mich an eine Zeit, in der Fotografieren langsamer war. Wer eine Kamera dabei hatte, nahm sie bewusst mit. Man suchte einen Standpunkt. Man wartete auf das richtige Licht. Man überlegte, ob ein Motiv überhaupt ein Bild wert war.
Fotografieren war damals nicht nur Dokumentation. Es war eine Form der Aufmerksamkeit.
Heute tragen wir alle eine Kamera mit uns. Technisch gesehen war Fotografieren noch nie so einfach. Paradoxerweise scheint gerade dadurch etwas verloren zu gehen.
Die Kamera war einst ein Werkzeug des Sehens. Heute ist sie oft ein Werkzeug des Sammelns geworden. Wir sammeln Sonnenuntergänge, Kirchenfassaden, Mahlzeiten, Bahnreisen und Bergpanoramen. Die Welt wird zu einer Serie von Dateien. Die Frage lautet nicht mehr: „Was sehe ich?“, sondern: „Habe ich schon ein Foto davon?“
Die Kulturkritikerin und Schriftstellerin Susan Sontag beschrieb bereits 1977 in ihrem Werk On Photography eine Entwicklung, die damals noch wie eine theoretische Überlegung wirkte. Für sie war Fotografieren niemals nur das Festhalten eines Moments. Wer fotografiert, eignet sich die Welt an. Das Foto wird zu einem Beweis, dass man dort gewesen ist. Reisen, Erleben und Fotografieren verschmelzen miteinander. Sontag ahnte bereits etwas, das im Zeitalter des Smartphones allgegenwärtig geworden ist: Die Wirklichkeit wird zunehmend durch ihre Abbildbarkeit bewertet. Ein Ort scheint erst dann vollständig erlebt, wenn er fotografiert wurde. Das Bild tritt zwischen Mensch und Wirklichkeit. Die Kamera dokumentiert nicht nur das Erlebnis, sie beginnt, das Erlebnis selbst zu formen.
Fast vier Jahrzehnte später beobachtete die Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle eine ähnliche Entwicklung aus einer anderen Perspektive. In ihren Arbeiten über digitale Technologien beschreibt sie, wie Menschen immer häufiger zwischen realer Erfahrung und digitaler Dokumentation hin- und herwechseln. Der Wunsch, einen Moment festzuhalten, entsteht oft bereits während wir ihn erleben. Anstatt ganz im Augenblick aufzugehen, denken wir darüber nach, wie dieser Augenblick später auf einem Bildschirm erscheinen wird. Turkle spricht von einer Kultur der permanenten Verbindung, in der wir ständig dokumentieren, teilen und archivieren. Die Folge ist ein merkwürdiger Widerspruch: Wir verfügen über mehr Bilder als jede Generation vor uns und haben gleichzeitig oft das Gefühl, weniger intensiv erlebt zu haben. Wir besitzen tausende Fotos eines Urlaubs, erinnern uns aber manchmal kaum noch daran, wie sich der Wind an diesem Ort angefühlt hat oder wie die Stimmung tatsächlich war.
Auch die Tourismusforschung beschäftigt sich intensiv mit diesem Wandel. Bereits der Soziologe John Urry prägte den Begriff des „touristischen Blicks“. Reisen bedeutet demnach nicht nur, Orte zu besuchen, sondern sie auf bestimmte Weise anzuschauen. Heute wird dieser Blick zunehmend durch digitale Medien geprägt. Viele Reisende kennen Sehenswürdigkeiten bereits aus sozialen Netzwerken, lange bevor sie dort ankommen. Sie suchen nicht mehr nur den Ort selbst auf, sondern das Bild des Ortes, das sie bereits gesehen haben.
Tourismusforscher sprechen inzwischen von einer „Instagramisierung“ des Reisens. Nicht selten reisen Menschen zu einem Motiv, das sie aus sozialen Medien kennen, und reproduzieren dort nahezu identische Aufnahmen. Der Ort wird zur Kulisse für ein bereits existierendes Bild. Die Erfahrung folgt der Fotografie, nicht mehr umgekehrt.
Das bedeutet nicht, dass Smartphone-Fotografie oberflächlich sein muss. Im Gegenteil. Noch nie war es so einfach, kreativ zu fotografieren, Licht zu studieren oder Geschichten in Bildern zu erzählen. Viele Menschen nutzen ihre Smartphones mit großer Sorgfalt und künstlerischem Anspruch.
Das Problem liegt nicht im Gerät. Das Problem beginnt dort, wo Fotografieren aufhört, ein Akt der Aufmerksamkeit zu sein.
Ein gutes Bild entsteht nicht durch eine Kamera. Es entsteht durch Zeit. Durch Beobachtung. Durch Geduld. Durch die Bereitschaft, einen Moment zunächst wirken zu lassen, bevor man versucht, ihn festzuhalten.
Vielleicht sollten wir auf Reisen wieder öfter stehen bleiben. Nicht um bessere Fotos zu machen. Sondern um wieder besser zu sehen. Denn die wertvollsten Erinnerungen entstehen manchmal genau dann, wenn keine Kamera zwischen uns und der Welt steht. Vielleicht ist dies die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Nicht zu lernen, wie man noch mehr Bilder macht, sondern wie man trotz der allgegenwärtigen Kamera die Fähigkeit bewahrt, wirklich hinzusehen. Denn Sehen und Fotografieren sind nicht dasselbe.
Und manchmal beginnt die tiefste Form des Sehens genau dort, wo das Bedürfnis verschwindet, sofort auf den Auslöser zu drücken.
In diesem Sinne: fotografiert und habt Spaß dabei – macht aber bitte keine Bilder einfach so im Vorbeigehen…besonders nicht, wenn ich dort auf einem Platz sitze 🙂
Nach meiner Reise nach Seoul stand für mich relativ schnell fest, dass die entstandenen Bilder nicht einfach auf einer Festplatte verschwinden sollten. Die Stadt hat mich fotografisch enorm fasziniert: das Nebeneinander von Tradition und Moderne, die unzähligen kleinen Straßenszenen, das Licht, die Menschen und die vielen Details, die man oft erst auf den zweiten Blick entdeckt.
Deshalb habe ich mich entschieden, aus meinen Aufnahmen ein ganz persönliches Fotobuch zu gestalten – nicht als Projekt für Kunden oder für die Öffentlichkeit, sondern ausschließlich für mich selbst. Ein Buch, das die Erinnerungen an diese besondere Reise bewahrt und die Atmosphäre der Stadt möglichst authentisch transportiert.
Für das Buch habe ich sämtliche Bilder noch einmal neu bearbeitet. Dabei entstand eine Bildsprache, die irgendwo zwischen Schwarz-Weiß- und Farbfotografie liegt. Die Fotos wurden in eine monochrome Darstellung überführt und nur mit einer sehr dezenten Restfärbung versehen. Dieser Ansatz verleiht vielen Motiven eine besondere Ruhe und Konzentration auf Formen, Licht und Kontraste. Einige Bilder gewinnen dadurch deutlich an Ausdruckskraft, während andere in ihrer ursprünglichen Farbigkeit vielleicht sogar etwas stärker wirken. Gerade dieser Wechsel macht für mich jedoch einen Teil des Reizes aus.
Produziert wurde das Buch von WhiteWall. Meine Wahl fiel auf mattes Fotopapier in Kombination mit einer hochwertigen Textilbindung und einem Textileinband. Schon beim ersten Durchblättern war klar, dass diese Entscheidung die richtige war. Die Haptik des Einbands, die Verarbeitung und insbesondere die Wirkung der Bilder auf echtem Fotopapier hinterlassen einen ausgesprochen hochwertigen Eindruck.
Besonders positiv überrascht hat mich die Gesamtanmutung des Buches. Die Schwarz-Weiß-Bearbeitung mit den subtilen Farbakzenten kommt auf dem matten Papier sehr stimmig zur Geltung. Kontraste wirken angenehm ausgewogen, und die Bilder entfalten eine gewisse Tiefe, die ich mir für dieses Projekt erhofft hatte.
Natürlich bleibt bei einem solchen Projekt immer Raum für Verbesserungen. Einige wenige Bilder sind etwas heller ausgefallen als erwartet. Vermutlich liegt die Ursache in einer nicht perfekt abgestimmten Monitorkalibrierung meinerseits im Vergleich zum Druckprozess von WhiteWall. Das ist jedoch eher eine Randnotiz und beeinträchtigt den Gesamteindruck nur minimal.
In Summe bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Buch fühlt sich genau so an, wie ich es mir vorgestellt hatte: hochwertig, persönlich und mit einer Bildsprache, die die Stimmung meiner Tage in Seoul einfängt. Es ist eines dieser Projekte, die zeigen, dass Fotografien erst dann wirklich lebendig werden, wenn sie den Bildschirm verlassen und als gedrucktes Werk in den Händen gehalten werden können.
Unterhalb dieses Beitrags findet ihr die komplette Galerie aller Bilder aus dem Buch sowie einige Eindrücke des fertigen Fotobuchs selbst.